REGIE

Statement der Autorin
Im Juni 2015 habe ich meine Tochter geboren. Da ich bereit 45 Jahre alt war, wurde ich von Anfang an als Risikoschwangere eingestuft. Ich wurde engmaschig begleitet von wechselnden Ärzten und Ärztinnen in einem Unispital. Erst spät in der Schwangerschaft begegnete ich einer Hebamme. Mit ihr erfuhr ich eine ergänzende Art der Begleitung. Medizinische Kontrollen wurden Teil einer gesamtheitlichen Herangehensweise, in der ganz unterschiedliche Fragestellungen Platz fanden. Die Hebamme wurde mir ein Gegenüber, die mir half, Fragen und Informationen zu ordnen und mir dabei immer verschiedene Wege aufzeichnen konnte.

Dann kam meine Tochter auf die Welt. Alles ging gut. Zum Glück. Ich gebar im Spital und hatte eine schnelle, unkomplizierte Geburt. Meine Hebamme dort war ganz jung, zurückhaltend und präsent. Persönlich empfand ich es als Privileg, ein so gewaltiges Erlebnis wie eine Geburt erleben zu dürfen. Ich hatte auch nie Zweifel, dass das nicht gut gehen könnte. Erst dann fiel mir auf, dass fast alle Frauen in meinem Umfeld ihre Geburten als dramatisch erlebt haben und noch Jahre später damit haderten.

Zum ersten Mal kam ich mit etwas in Kontakt, das ausschliesslich zum Frausein gehört. Dem Schwangersein, Gebären und dem Mutterwerden. Das passte eigentlich gar nicht zu meinem urbanen, mehr oder weniger organisierten und auf Angleichung der Geschlechter ausgerichteten Leben. Es war mir auch etwas fremd. Vielleicht gerade, weil mir das alles etwas suspekt war, diese Themen des Frauseins und Mutterwerdens, entschied ich mich, einen Film über Hebammen zu machen, über Frauen, die nichts anderes tun, als Frauen während dieser speziellen Zeit zu begleiten.

Schnell wurde mir klar, dass zwischen Hebammen und Gynäkologinnen und Gynäkologen oft ein Misstrauen oder eine Konkurrenz besteht. Geburtshilfe war früher grundsätzlich Frauensache. Mit zunehmender Akademisierung, bei der die Ärzte federführend und die Frauen ganz lange ausgeschlossen waren, verschob sich die Kompetenz immer mehr Richtung Ärzteschaft. Dies hatte auch eine Technisierung und Medikalisierung der Geburtshilfe zur Folge: Ab den 1950iger Jahren fanden fast alle Geburten in der Schweiz im Spital statt.

Aber auch dies entwickelte sich nicht überall gleich. So traf ich Hebammen in Holland, wo die Hausgeburt eine normale Praxis ist oder England, wo von offizieller Seite die Geburt für gesunde Frauen mit Hebammen propagiert wird. In der Schweiz nahm ich in meinem Umfeld hingegen eine grosse Skepsis wahr, verbunden mit Ängsten vor Risiken, was die Betreuung von Schwangeren, auch gesunden Schwangeren, durch Hebammen anging. Insbesondere auch die Vorstellung einer Hausgeburt. Obschon die Hausgeburt, wie auch die Beleggeburt den grossen Vorteil haben, dass man bei der Geburt die Hebamme bereits von der Schwangerschaft her kennt. Offenbar ist die Einschätzung von Risiken und die Wahrnehmung von Ängsten nicht nur eine Frage der Statistik, sondern auch der Kultur.

Währendem die Bedürfnisse und Haltungen gegenüber der Geburtshilfe von Frauen und Hebammen durchaus unterschiedlich waren, hatten die Hebammen eines gemeinsam: Sich für die Frauen einsetzen und sie im Zweifelsfall zu beschützen. «With our lifes, if nessesary», wie mir Pamela Hunt, Hebamme von “The Farm” in Tennessee,  einmal sagte.

Das unglaubliche Engagement der Hebammen, die sich für das Gelingen der Mutterschaft – und übrigens auch der Vaterschaft – einsetzen, oft dafür Ihre ganzen Kräfte benötigen, wird oft nur hintergründig  wahrgenommen. Aktuell ist es so, dass viel zu wenige Hebammen ausgebildet werden und 2021 so viele Babys auf die Welt kamen wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Ich hoffe, dass die Arbeit der Hebammen, die einen so wichtigen Beitrag leisten, damit das «auf die Welt kommen» gelingt, mit diesem Film sichtbar wird. Dass dieser Film die Schönheit des neuen Lebens des Kindes, aber auch der werdenden Mutter und des werdenden Vaters zu zeigen vermag.